Warum sich diese Megatrends nach Corona erst recht durchsetzen werden

Megatrends wie Digitalisierung, Automatisierung und Nachhaltigkeit haben während der Corona-Pandemie den Praxistest im Schnelldurchlauf bestanden und so noch einmal an Zugkraft zugelegt. Was jetzt auf Wirtschaft und Gesellschaft zukommt.

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„Never let a good crisis go to waste!“ Mit diesem Ausspruch soll Winston Churchill kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges während der Jalta-Konferenz auf die spätere Gründung der Vereinten Nationen hingewirkt haben. Während der Finanzkrise 2008 nutzte Rahm Emanuel, damaliger Stabschef des Weißen Hauses unter Barack Obama, das Zitat ebenfalls in mehreren Interviews und präzisierte, wie er es verstand: Es gehe darum, die Gelegenheit von Krisen zu nutzen und Dinge anzupacken, an die man zuvor nie gedacht habe, weil sie bis zur Krise unmöglich erschienen.

Seitdem ein winziges Virus etliche Gewohnheiten umkrempelt, fest geglaubte Gewissheiten hinwegfegt und den gesamten Globus einer gigantischen Feldstudie unterzieht, brechen sich in immer mehr Bereichen Entwicklungen Bahn, die zuvor nur unter der Oberfläche gärten. Neben all den Verwerfungen, die die Krise ausgelöst hat, wirkt sie in einigen Bereichen auch wie ein zufällig ausgelöster Innovationsschub: Sie befeuert langfristige Trends und legt Möglichkeiten offen, an die zuvor kaum jemand zu glauben wagte.

Für Historiker und Biologen sind solche Prozesse kein neues Phänomen. „Ohne Krisen gibt es keine Entwicklung, sie machen uns stark“, urteilte etwa Gerrit J. Schenk, der sich an der Technischen Universität Darmstadt in seiner Forschung unter anderem auf Krisen und Katastrophen spezialisiert hat, schon vor einigen Jahren. Manche Biologen gehen noch weiter und argumentieren, dass katastrophale Einschnitte in der Natur sogar evolutionär notwendig sind.

Die Corona-Pandemie besitzt das Potenzial, als technologische Weggabelung in die Geschichte einzugehen

Historische Beispiele gibt es genug: Im Mittelalter sorgten Seuchen wie die Pest oder Cholera für die Entwicklung und Etablierung moderner Abwassersysteme. Die Große Depression im Jahr 1873 verhalf der Konservendose zum Durchbruch, weil amerikanische Hersteller mit dem Verkauf verarbeiteter Lebensmittel neu erhobene Zölle umgingen. Und erst die Ölkrise im Herbst 1973 verlieh den erneuerbaren Energien in vielen betroffenen Ländern den benötigten Schub.

Dass auch die Corona-Pandemie das Potenzial besitzt, als technologische Weggabelung in die Geschichte einzugehen, steht für viele Forscher bereits heute fest. „Die Krise macht zukunftsweisende Wege des Wirtschaftens und Zusammenlebens auf unmissverständliche Weise plausibel“, schreiben die Zukunftsforscher Harry Gatterer und Matthias Horx in einer Post-Corona-Studie. Der Netzökonom Dr. Holger Schmidt beschreibt die anstehende Disruption trocken mit dem Satz: „Die Ökonomie wird nach dieser Krise anders aussehen.“ Und Dr. Fritzi Köhler-Geib, Chefvolkswirtin der KfW-Bankengruppe ist überzeugt, dass der Wandel vor allem in mittelständischen Unternehmen greifen wird.

Ein zentraler Trend ist dabei die Digitalisierung. „Viele Unternehmen sind plötzlich zur Digitalisierung gezwungen“, sagt Köhler-Geib. Und vieles, was nun ausprobiert worden sei, werde nach der Krise einfach bleiben. Dass die Digitalisierung in immer neue Wirtschaftszweige vordringt, Prozesse optimiert und neue Geschäftsfelder eröffnet, gehörte dabei schon vor Ausbruch der Corona-Pandemie zum Alltag. Allerdings verlief dieser Wandel vergleichsweise graduell. Er musste mit technischen Problemen kämpfen, organisationsinterne Widerstände überwinden, Zweifel zerstreuen. Das alles hat die Pandemie radikal verändert. Sie hat die alten Spielregeln außer Kraft gesetzt, neue aufgelegt, und dann zur nächsten Runde geläutet.

Innerhalb weniger Wochen stieß sie die Tür zu Hunderttausenden potentiellen Nutzern auf, die neue digitale Anwendungen und Geschäftsmodelle ausprobieren sollten, konnten und mussten. Neue Ideen, die sich aus ohnehin existierenden Trendbewegungen herauskristallisierten, konnten sich in der Praxis bewähren und in den Gewohnheiten ihrer neuen Nutzer verankern.

In kurzer Zeit etablierten sich so Geschäftsmodelle, die noch vor wenigen Monaten aufgrund technischer Bedenken, IT-Hürden oder mangelnder Nachfrage undenkbar waren: Weinproben finden plötzlich im virtuellen Winzerkeller statt, die Logopädie-Sprechstunde funktioniert via Face-Time, Vertragsverhandlungen entfalten ihre Dynamik auch in Videokonferenzen und Zertifizierungen oder Beratungen werden mithilfe von Smartphone-Kameras und Telefonschalten durchgeführt.

Die Nutzerzahl der Kollaborationssoftware Microsoft Teams hat sich von 20 auf 44 Millionen mehr als verdoppelt. Der Versicherer Allianz verzeichnete in den ersten Monaten der Pandemie eine Verdreifachung der virtuellen Besprechungen und Kundenberatungen. In einer Umfrage geben 60 Prozent der 18- bis 29-Jährigen an, nach der Krise häufiger videotelefonieren zu wollen. „Viele Unternehmen probieren Homeoffice und virtuelle Zusammenarbeit aus, etablieren in Zeiten geschlossener Läden und Gaststätten einen digitalen Vertrieb oder ersetzen papierbehaftete Arbeitsprozesse durch digitale“, sagt KfW-Chefvolkswirtin Fritzi Köhler-Geib.

Wenn die Krise einmal vorüber gegangen ist, wird eines ihrer bleibenden Vermächtnisse der erneute Fokus auf die Automatisierung sein.

Leslie Joseph, Analyst des Marktforschungsinstituts Forrester.

Parallel zum Wandel im Büro setzt in den Produktionshallen eine neue Automatisierungswelleein. „Inzwischen sind Werkzeuge verfügbar, um Automatisierungstools in beinahe jedem Beruf einzusetzen“, schreibt Netzökonom Holger Schmitt. Das fange bei einfacher Automation in den Büros an, gehe weiter über smarte Roboter in den Fabriken und ende bei autonomen Fahrzeugen. Die Pandemie löse nun bei vielen Herstellern den Impuls aus, die Produktion aus Niedriglohnländern wieder näher an die eigene Basis zu bringen und verstärkt auf Roboter und Automatisierung zu setzen.

BMW etwa orderte mitten in der Krise 5000 Industrieroboter bei Kuka. Anbieter von Service-Robotern wie die dänische Firma Blue Ocean Robotics korrigieren ihre Wachstumsprognosen kräftig nach oben. Und die chinesische Firma ZhenRobotics berichtet von einer Verdreifachung der Bestellungen seit Beginn der Krise. „Wenn die Krise einmal vorüber gegangen ist, wird eines ihrer bleibenden Vermächtnisse der erneute Fokus auf die Automatisierung sein“, schreibt der Analyst Leslie Joseph vom Marktforschungsinstitut Forrester.

Dinge ermöglichen, die bis vor Kurzem noch in weiter Ferne schienen

Als dritte Bewegung, die sich neben Digitalisierung und Automatisierung durch die Corona-Pandemie beschleunigen wird, zeichnet sich der Trend zu Nachhaltigkeit und Klimaneutralität ab. Bereits Ende 2019 rief die Europäische Union den europäischen Green Deal aus. Sein Ziel: Bis 2050 soll der gesamte Kontinent klimaneutral sein. Um den ehrgeizigen Plan in die Tat umzusetzen, hat die Kommission ein europäisches Klimagesetz zur Diskussion gestellt, das die Klimaneutralität bis 2050 gesetzlich verankern soll.

Die Coronakrise verleiht der Idee noch mehr Gewicht. Unter dem Hashtag #GreenRecovery forderten Wissenschaftler, NGOs und Unternehmen bereits wenige Wochen nach Ausbruch der Pandemie grüne Konjunkturpakete, um die Strukturen geschwächter Wirtschaftsbereiche nicht nur wiederaufzubauen, sondern sie dabei auch nachhaltiger zu konstruieren. Erste Schritte in diese Richtung zeichnen sich ab: In vielen Ländern lockt der Staat mit stattlichen Kaufprämien für Elektroautos, Frankreich und Deutschland fordern in einer gemeinsamen Erklärung grüne Wiederaufbaupläne für alle Wirtschaftssektoren und wollen zur Unterstützung einen 500 Milliarden Fonds auflegen, der zum Beispiel weitere Kaufprämien für E-Autos und Unterstützung für Wasserstoff verspricht. Auch der Internationale Währungsfonds pocht in seinen Leitlinien zur Vergabe von Post-Corona-Wirtschaftsförderprogrammen auf nachhaltige Ansätze.

Bereits ohne die milliardenschweren Förderprogramme wächst die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien laut Energieagentur (IEA) trotz Bauverzögerungen durch die Corona-Krise in diesem Jahr um fast fünf Prozent. Insgesamt werden die erneuerbaren Energien damit fast 30 Prozent der weltweiten Stromversorgung ausmachen. Gleichzeitig geht die weltweite Nachfrage nach konventionellen Kraftstoffen für den Luft- und Straßenverkehr zurück, sodass die weltweiten energiebedingten CO2-Emissionen im Jahr 2020 um fast acht Prozent sinken werden.

Damit in Verbindung steht allen voran auch der Trend zu nachhaltiger Mobilität. Die Unternehmensberatung McKinsey geht davon aus, dass der Siegeszug neuer Technologien wie des Wasserstoffantriebs, der Elektromobilität oder des automatisierten Fahrens nun erst recht Fahrt aufnehmen wird. Bis zum Jahr 2025 könnte sich der Anteil an Elektroautos sogar verdreifachen, sagen Marktstudien. Aber auch die Wasserstofftechnologie findet mehr und mehr Anklang. Japan baut seine Energiestruktur schon seit einigen Jahren Richtung Wasserstoff um. Auch China will den Energieträger in Zukunft stärker fördern. Und Deutschland investiert im Rahmen einer nationalen Wasserstoffstrategie neun Milliarden Euro in die Technologie.

Während sich manche Trends schon heute klar abzeichnen, treten bei anderen bislang bloß grobe Konturen hervor. Aber egal ob Nachhaltigkeit, Automatisierung oder Digitalisierung: In vielen Bereichen könnte die schwerste globale Krise seit Ende des Zweiten Weltkriegs wohl tatsächlich Dinge ermöglichen, die bis vor Kurzem noch in weiter Ferne schienen. Zumindest ungenutzt verstrichen wäre die Krise dann nicht.

Bild: GettyImages/Westend61
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