„Unser ganzheitlicher Ansatz hat uns extrem geholfen“

Für globale Unternehmen sind reibungslose Logistikprozesse und Lieferketten unerlässlich. Die Corona-Pandemie hat beide Bereiche vor völlig neue Herausforderungen gestellt. Im Interview erläutern drei verantwortliche Experten der SGL Carbon, wie sie mit den Herausforderungen umgegangen sind und warum sie die Situation in manchen Bereichen zum Umdenken angespornt hat.

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Auch für Piotr Jaskierski, Jochen Gast und Ulrich Wislsperger ist eine Situation wie die Corona-Pandemie absolutes Neuland - dabei sind alle schon lange im Geschäft. Jaskierski arbeitet seit 15 Jahren für die SGL Carbon und kümmert sich als Leiter Global Purchasing um den globalen Einkauf. Wislsperger und Gast sorgen in den Geschäftsbereichen mit den Spezialgraphiten bzw. mit den Fasern und Verbundwerkstoffen für reibungslos funktionierende Lieferketten. Das gemeinsame Interview findet – wie sollte es anders sein – virtuell statt.

Wie hat sich die Corona-Pandemie am Anfang auf Ihre Arbeit ausgewirkt?

Jaskierski: Es sind schon extreme Dinge passiert. Die Rohstoffmärkte waren teilweise sehr volatil, beispielsweise der Markt für Acrylnitril, das Ausgangsprodukt unserer Carbonfaser. Der ist in normalen Zeiten zwar auch mal gewissen Schwankungen unterworfen aber dabei zumindest relativ transparent. Durch COVID-19 war die Situation plötzlich recht unübersichtlich. Zeitweise ist die Nachfrage stark eingebrochen und der Preis hat sich innerhalb weniger Tage mehr als halbiert.

Gast: Gerade in den ersten Tagen ging es auch in der Logistik Schlag auf Schlag, zum Beispiel als die großen Automobilhersteller ihre Werke geschlossen haben. Wir mussten uns über Nacht auf eine völlig neue Situation einstellen.

Wie geht man mit so einer Situation um?

Wislsperger: Am Anfang war das reines Troubleshooting. Wir mussten unzählige Fragen klären: In welchem Land gelten welche Regularien? Wo gibt es noch freien Warenverkehr? Was melden unsere Logistikpartner? Wir haben dann als Erstes eine unternehmensübergreifende Taskforce gebildet. Täglich sind die Experten aus allen wichtigen Bereichen zusammengekommen und haben die Lage analysiert. Das war stressig, hat sich aber gelohnt: Wir sind ziemlich gut durch die heiße Phase gekommen und können jetzt strategischere Fragen in den Blick nehmen.

Jaskierski: Vor allem dieser ganzheitliche Ansatz hat uns enorm geholfen. Jeden Morgen waren alle an einem virtuellen Tisch, hatten immer die neuesten Infos dabei und wir konnten Fragen über den kurzen Dienstweg klären. Ein Beispiel: Bei uns im Einkauf gab es nie die Sorge, dass es auf Produktionsseite unserer Lieferanten zu Engpässen kommen könnte, weil wir von unseren Lieferanten entsprechende Signale bekommen haben. Ich hatte allerdings schon die Sorge, dass es womöglich beim Transport der Waren zu Engpässen kommen könnte, weil die Regierungen ja überall die Grenzbalken runtergelassen haben. Das konnte ich dann direkt mit den Kollegen der Logistik besprechen und habe von denen zum Glück Entwarnung bekommen.

Lagerprobleme
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Prozent aller deutschen Logistikunternehmen verzeichneten durch die Corona-Pandemie Lagerprobleme.
Abreißende Lieferketten
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Prozent der deutschen Logistiker beklagten Probleme durch abreißende Lieferketten.
Grenzkontrollen und Einreiseverbote
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Prozent der Logistikunternehmen in Deutschland waren von Einschränkungen durch Grenzkontrollen oder Einreiseverbote betroffen.

Wie war denn die Lage im Logistikbereich?

Gast: Ehrlich gesagt, besser als ich am Anfang gedacht hätte. Ich war überrascht, wie gut viele Dinge selbst während des harten Shutdowns noch funktioniert haben. Klar, hier und da hat es geknirscht, aber die meisten Spediteure haben – auch als die meisten Grenzen geschlossen waren –noch Waren an unsere Kunden z.B. in Italien oder Spanien ausgeliefert.

Wislsperger: Nur bei den Luftfrachten hat man den Einbruch wirklich gemerkt, da ist der Warenverkehr schon recht stark zum Erliegen gekommen. Aber auf der Straße, auf See oder per Schiene ging es relativ stabil weiter.

Trotzdem wird seit Ausbruch der Pandemie in einigen Branchen mit der Rückkehr zur Lagerlogistik geliebäugelt. Gibt es solche Überlegungen auch bei der SGL Carbon?

Wislsperger: Nein, das können wir uns in so einem kapitalintensiven Geschäft wie unserem überhaupt nicht leisten. Nichtsdestotrotz hatten allerdings auch schon vor der Krise strategische Buffer für kritische Materialien, die wir auf Basis der Lieferantenbewertung und der Risikobewertung der Transportwege festlegen.

Manche Regionen auf der Welt kommen wirtschaftlich schon wieder in Schwung. Dank unserer weltweiten Vernetzung können wir dort dann mehr absetzen und Absatzschwächen in anderen Regionen abfedern.

Ulrich Wislsperger, Vice President Supply Chain Management im Geschäftsbereich Graphite Materials & System der SGL Carbon

Wie werden Sie die Produkte denn los, wenn die Nachfrage am Boden ist?

Wislsperger: Uns hilft gerade, dass wir eine so lange Wertschöpfungskette haben. Aus der können wir zum Beispiel Zwischenprodukte umleiten und in Branchen verkaufen, für die sie eigentlich gar nicht vorgesehen waren. Gleichzeitig kommen manche Regionen auf der Welt auch wirtschaftlich schon wieder in Schwung. Dank unserer weltweiten Vernetzung können wir dort dann mehr absetzen und Absatzschwächen in anderen Regionen abfedern.

Ein anderer Trend ist die gestiegene Bedeutung der Sicherheit. Der Begriff Resilienz, der ja eigentlich psychische Widerstandsfähigkeit bedeutet, erlebt gerade ein Hoch und wird auch im ökonomischen Kontext verwendet. Welche Rolle spielt das in Ihren Bereichen?

Jaskierski: In der Beschaffung wird das Thema Sicherheit auf jeden Fall eine noch wichtigere Rolle einnehmen als zuvor. Es ist zwar noch zu früh, um wirklich weit in die Zukunft zu blicken, aber was wir jetzt schon sehen ist, dass unsere Auswahlkriterien für Zulieferer nach COVID-19 nicht mehr die gleichen sein werden. Bislang kam es vor allem auf die Kosten, die Qualität und die Partnerschaft an. In Zukunft kommen Resilienz, Reaktionsfähigkeit und Anpassungsfähigkeit hinzu. Außerdem werden wir unser Risikomanagement noch besser aufstellen.

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Prozent weniger Containerdurchsatz in den weltweiten Häfen prognostiziert die Logistikberatung Drewry für das zweite Quartal 2020
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Prozent weniger Containerdurchsatz in den weltweiten Häfen prognostiziert die Logistikberatung Drewry für das Gesamtjahr 2020

Was planen Sie genau?

Wir erarbeiten gerade die entsprechenden Indikatoren, um die neuen Auswahlkriterien auch prüfen zu können. Dabei spielt auch das Thema Transparenz eine Rolle. Bislang hatten wir eine Risikomatrix, die für alle Bereiche der SGL Carbon galt. In Zukunft werden wir diese Kriterien aktiver managen müssen. Bereits Ende vergangenen Jahres haben wir dafür eine Stelle geschaffen, die sich nur um dieses Thema kümmert. Das hat uns natürlich auch in der Coronakrise schon viel gebracht.

Wie sieht es in der Logistik aus?

Gast: Generell suchen wir unsere Partner natürlich nach ähnlichen Kriterien aus und werden in Zukunft ebenfalls noch stärker auf Verlässlichkeit und Krisenfestigkeit achten. Es gab schon vor der Krise den Trend, mit weniger Logistikpartnern enger zusammenzuarbeiten. Durch diese tiefere Integration der Logistikprozesse gewinnen wir Geschwindigkeit und Flexibilität. Das wird, angetrieben durch die Digitalisierung der Logistikprozesse, noch mehr an Bedeutung gewinnen. Damit dieses Modell funktioniert, müssen wir die richtigen Partner auswählen.  Und durch regelmäßige Ausschreibungen stellen wir sicher, nicht in Abhängigkeiten zu geraten.

Es gab schon vor der Krise den Trend, mit weniger Logistikpartnern enger zusammenzuarbeiten. Durch diese tiefere Integration der Logistikprozesse gewinnen wir Geschwindigkeit und Flexibilität.

Jochen Gast, Head of Supply Chain Management im Geschäftsbereich Composites – Fibers & Materials bei der SGL Carbon

Und es braucht globale Warenströme - was derzeit ja manche Experten bezweifeln und von einer Deglobalisierung sprechen.

Wislsperger: Dran glaube ich ehrlich gesagt nicht. Es mag sein, dass wir in speziellen Bereichen wie der Arzneimittelproduktion oder bei medizinsicher Schutzausrüstung eine Rückbesinnung auf nationale Produktionsketten sehen werden, aber in der Gesamtwirtschaft sehe ich das nicht. Dafür sind die heutigen Lieferketten längst viel zu global. So etwas lässt sich nicht mal eben so zurückdrehen.

Gast: Die Industrien, in denen wir aktiv sind, sind global und hochspezialisiert. Die Grundstoffchemie, aus der wir unsere Rohstoffe beziehen, aber auch unsere eigene Precursor- und Carbonfaser-Produktionen erfordern so hohen Investitionen in Produktionsanlagen, das kann man nicht einfach so verlagern und woanders neu aufbauen.

Werfen wir zum Schluss noch einen Blick in die Zukunft. Was wird in zehn Jahren von der Pandemie geblieben sein?

Jaskierski: Die Kriterien, nach denen wir unsere Supplier auswählen, werden sich stark verändern. Und auch das Thema Risikomanagement wird so schnell nicht wieder verschwinden. Ich glaube, die Krise hat uns hier alle wachgerüttelt und gezeigt, dass wir diese Themen nochmal grundsätzlich neu überdenken müssen. Auf individueller Ebene werden wir sicherlich weniger Zeit auf Geschäftsreisen verbringen. Früher wurde immer gesagt, dass man viele Dinge nur vor Ort besprechen könne. Jetzt haben wir aber wochenlang gesehen, dass es doch anders geht - und sich so auch noch jede Menge Geld und Zeit sparen lässt.

Wislsperger: Ich habe vor allem die unternehmensübergreifenden Taskforce-Meetings als unheimlich bereichernd erlebt. Dass alle Bereiche zusammenkommen und gemeinsam Probleme angehen, hat jede Menge Vertrauen aufgebaut und uns als SGL Carbon noch mehr zusammengebracht und gestärkt. Davon werden wir in Zukunft profitieren - auch wenn dieses Virus dann irgendwann endlich wieder von der Tagesordnung verschwunden sein wird.

Bild: GettyImages/EyeEm/Ben Moore
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Jochen Gast
Head of Supply Chain Management im Geschäftsbereich Composites – Fibers & Materials

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